Textfeld: Dietmar R. Ehlert
in der  ISIS
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Heilung für Mutter Erde 2012

Viele Menschen wollen meine Meinung zum Weltuntergang  hören. Dahinter steckt auch oft die Angst, dass jetzt das was wir der Erde antun, auf uns zurückfällt.

Dazu möchte ich Folgendes sagen: Die schamanische Weltsicht bereitet Menschen darauf vor, sich in unterschiedlichen Dimensionen unserer Seele bewegen und dort wirken zu können. Seit Jahrzehnten bin ich dabei, zu lernen, zu forschen, zu praktizieren und zu wirken, und ich fühle mich mit den unsichtbaren Welten inzwischen sehr verbunden. Deshalb spielt es für mich persönlich keine große Rolle, ob uns am Ende des Jahres ein Weltuntergang bevorsteht oder nicht. Wer oder was untergeht oder ob wir alle untergehen, ist für mich nur ein Problem dieser einen Dimension.

Dazu habe ich einmal eine sehr eindrückliche Erfahrung einer Teilnehmerin in einer schamanischen Trommelgruppe begleitet:

Sie sah sich in einer ihrer Seelendimensionen als Mutter Erde selbst. Gleichzeitig sah sie sich in einer anderen Dimension als wimmelndes Bakterium auf ihrem Körper. Als die beiden Dimensionen verschmolzen, konnte sie sich gleichzeitig als Mutter Erde und als Bakterium erkennen. Jetzt konnte sie auch erkennen und erfahren, dass ihr menschliches Bewusstsein den Unterschied machte, ob sie ein Krankheitserreger war oder ein in Symbiose lebendes Bakterium, dass dem Organismus half.

Viele Religionen und philosophische Systeme suggerieren uns, wir seien die Krone der Schöpfung – ein Abbild Gottes. Vielleicht stimmt das ja für die eigene Schöpfung. Vielleicht geht aber auch diese Vorstellung gerade unter. Die uns umgebenden Systeme sehen uns oft völlig anders. Für manche Bakterien bin ich die Welt, für die Welt bin ich vielleicht ein Bakterium. Für die Erde sind wir jedenfalls zu einem echten parasitären Problem geworden.

Die schamanische Sicht und Erfahrung zeigt uns, dass wir ein Bestandteil des Ganzen, von Allem sind. Dabei spielt es keine Rolle mehr, ob wir groß oder klein, wichtig oder unwichtig sind. In den seelischen Dimensionen lösen sich die Bewertungsmassstäbe auf. Wir erhalten einen anderen Blick auf die Dinge, die Systeme, die Dimensionen – wir erkennen das, was ist, wie es ist und wie es interagiert. Wir erkennen, dass Handeln Folgen hat. Immer und Überall. Wir erkennen die Verbundenheit – alles ist ein Teil von allem, alles ist in jedem Teil.

Die Erfahrung von Verbundenheit ereignet sich idealerweise in der intakten Natur. Eine heilsame Erfahrung braucht eine heilsame Umgebung! Stellen wir uns eine heile, intakte Natur vor -  einen Ort, wohin sich unsere Seele zur Heilung zurückziehen kann, einen Ort, wo wir die Verbundenheit und die Dankbarkeit mit Mutter Erde teilen.

Wo sind heute noch solche Orte in unserer Umgebung, leben wir in der Nähe solcher Orte? Jede sog. Versiegelung, jede Straße, jedes Haus, jeder begradigte Fluss, jede Hochspannungs- oder unterirdische Gasleitung, jede abgeholzte Fläche und vieles schlimmeres sind Wunden unserer Mutter Erde. Wir spüren den Schmerz und das Leid an diesen Orten, -  wir leben in diesen Orten. Wenn wir unser Bewusstsein auf unseren Lebensort konzentrieren und gleichzeitig die Verbundenheit mit Mutter Erde erfahren, was sagt uns die Mutter zu unserem Lebensort, welche Konsequenzen hat das? Die Verwundung unserer Mutter Erde ist immer auch unsere eigene Verwundung!   -

Dabei nicht zu einem Fortschrittsfeind oder einem Eremiten zu werden ist schwer, oder? Das wäre aber auch eine Schlussfolgerung, die wahrscheinlich kein schamanisch erfahrener Mensch vollziehen würde. Schamanisch erfahrene Menschen sterben den Tod vor dem physischen Tod, d.h. dass sie ihre Vergangenheit und ihr Ego am Anfang meist recht schmerzvoll verlieren, dass sie allen Schmerz im größten Schmerz überwinden, um die neue Dimension ertragen zu können und sich nicht in alten schmerzvollen Schuldgefühlen zu verlieren. Die schamanische Erfahrung bzw. die Erfahrungen in nichtalltäglichen seelischen Dimensionen zeigen uns dann immer kreative Möglichkeiten der Veränderung und Entwicklung, wenn wir die Erfahrung des Schmerzes und des Leidens zulassen. Das Leben will leben, nichts anderes und das solange es geht. Es gibt immer einen Weg aus dem Dunkel ins Licht, wenn wir bereit sind, das Dunkel ganz zu erfahren, mit allem wahrzunehmen.

Wir sind es heute aber eher gewohnt, uns im Dunkel einzurichten und uns zu betäuben, damit wir nichts spüren, nichts mehr wahrnehmen. Unsere Wahrnehmungsorgane verkümmern in der Reizüberflutung. Wir entwickeln schmerzhafte Symptome, die wir schnell wegmachen wollen. Unser Leben wird auf eindimensionale Sichtweisen beschränkt, damit wir nicht soviel Schmerz oder möglichst gar nichts mehr empfinden. So werden wir Opfer unseres eigenen Egokonstruktes, ohne es zu merken.

Hinter dem Offensichtlichen liegt immer das Verborgene. Hinter der alltäglichen Wirklichkeit finden wir immer viele nichtalltägliche Wirklichkeiten. Ein schamanisch handelnder Mensch wird uns nicht unsere schmerzvollen Symptome und Erkrankungen wegnehmen, diese Menschen verspüren ihren Auftrag im Vermitteln von altem und neuem Wissen, von Einstiegen in Erfahrungsfelder, in andere Dimensionen unseres Seins. Wir brauchen heute so dringend die Erfahrung von anderen Dimensionen unseres Körpers, unserer Aura, unserer Seele, unserer Welt, um nicht weiter zu verkümmern. Diese Dimensionen bergen viele schmerzvolle Erkenntnisse zu dem, was uns liebgeworden ist, von dem wir uns abhängig gemacht haben. Aber sie bieten immer auch wunderbare kreative Lösungen. Wenn wir uns selbst heilen, wenn wir wieder heil, ganz werden, wenn wir unsere Verbundenheit mit allem, unser Sein in allem spüren, heilen wir auch Mutter Erde.

In diesem Sinne wünsche ich uns ein heilendes, erkenntnisreiches 2012.

(Dietmar R. Ehlert)

 

 

„Der native Europäer“

Hildegard Fuhrberg schreibt „Auf der Suche nach unseren Wurzeln“:

In der Mongolei, in Sibirien, Asien, Afrika, Amerika gibt es reiche, schamanische Traditionen. Die Nachfahren der Ureinwohner haben sich ihre Bräuche bewahrt und lebendig erhalten. Doch was ist mit uns? Sind unsere schamanischen Wurzeln derart verschütt’ gegangen, dass wir keine Wahl haben, als uns anderswo Inspirationen zu holen?

Ganzheitliches Denken und vernetztes Leben wird bei uns mittlerweile sehr hoch gehalten. Dennoch ist »Natur« für uns immer noch da »draußen« - wir gehören nicht wirklich dazu. Wir sind ja die Störenfriede.

Hier ist es Balsam, von denen, die es besser wissen, zu erfahren und Bestätigung dabei zu finden, dass auch wir selbstredend ein Teil der alles umfassenden Natur sind. Und wenn traditionelle Schamaninnen und Schamanen uns dann auch noch ermuntern, unsere eigenen Wurzeln auszugraben, dann klingt ein altes Lied an, das wieder gesungen und gehört werden will. Es wird die Sehnsucht berührt, eine Verbindung zu eigenen schamanischen Wurzeln hier bei uns zu leben.

Es bleibt die Frage, wie das möglich sein kann. Eine authentische Form von Schamanismus in der europäischen Industriegesellschaft? Geht das überhaupt? Haben nicht Christen alles zunichte gemacht, indem sie alles übernommen und umgedeutet haben? Wurden die Überreste nicht von den Nazis endgültig diskreditiert? Ist nicht alles, was es an einer ur­sprünglichen europäischen Spiritualität vielleicht einmal gab, vor langer Zeit mit den Hexen verbrannt worden?

Diese berechtigten Fragen lassen allerdings unberücksichtigt, dass fast alle traditionellen schamanischen Kulturen ebenfalls von Christianisierung und blutiger Verfolgung berichten können. Auch die Sowjetunion hat Schamanen blutig unterdrückt. Das ist also kein wesentlicher Unterschied zwischen den Kulturen hier und dort.

Ein weiterer Grund, weshalb wir wenig lebendig erhaltene schamanische Tradition in Europa kennen, liegt in unserer Geistesgeschichte, in der Aufklärung. Diese Religion der Vernunft ging mit der Magie einer neu entdeckten Wunderwelt der Technik einher. Alles schien plötzlich möglich, man brauchte keinen Glauben, keine Spiritualität mehr. Eine solche Entwicklung gab es außerhalb Europas in traditionellen Kulturen nicht. Deshalb war es einfacher, die dortigen Traditionen trotz schwerer Hindernisse zu bewahren.

Hat die Aufklärung also unwiderruflich alte europäische Formen der Spiritualität vernichtet? Sicher nicht, denn gerade heute wird offenkundig, dass die Hoffnungen der Aufklärung wie Staub langsam verwehen. Der Allmachtswahn von Technologen ist durch das Leben längst widerlegt. Das Bedürfnis nach Spiritualität ist wieder mächtig geworden.

Die Einheit von Spiritualität und Kultur entspricht dem Bedürfnis vieler Menschen, gerade wenn sie andere Kulturen selbst kennen gelernt haben. Eine Einheit dieser beiden Aspekte des Lebens hilft auch, Spiritualität lebensnah und hilfreich zu erhalten. Wer selbst aus einer bestimmten Kultur stammt, kann mitreden. Wer fremd ist, ist dazu verdammt, Gesten zu imitieren, die vielleicht unverständlich sind. Und das ist das Letzte, was uns traditionelle Schamanen empfehlen - viele verbitten sich eine bloße Nachahmung geradezu.

Aber es geht nicht nur um unsere Kultur, es geht auch um die heutigen Zeiten, in denen wir leben. Ein verstaubtes museales Brauchtum ist nicht mehr lebensfähig. Es passt nicht mehr ins Europa des 21. Jahrhunderts.

Wir sind an der Grenze dessen angekommen, was uns traditionelle Schamanen aus Peru oder Neuseeland zeigen können. Wie eine zeitgenössische, europäische schamanische Tradition aussehen könnte, wissen sie genau so wenig wie wir. Das sind Fragen, die wir uns selbst stellen müssen. Hier sind wir kompetent. Diese Arbeit wird uns überlassen bleiben. Wer immer sich nach einer naturverbundenen, freien Spiritualität sehnt, die mit den eigenen Wurzeln verbunden ist, wird mit anpacken müssen.

Wir haben ein reiches spirituelles Erbe in Europa, obwohl wenig davon in den Zeitungen zu lesen ist. Das geht von Erntedankfesten über das Besprechen bis hin zu unseren Märchen und noch weit darüber hinaus. Diese Überlieferungen neu zu beleben, damit sie in unseren heutigen Alltag passen, ist eine wundervolle Herausforderung. Dies vollzieht sich bereits im Stillen in vielen Gegenden Europas, von Sardinien bis hinauf zu den Sami (früher »Lappen«) in Skandinavien.

Wir können uns dem anschließen. Wir können unsere Inspirationen wahr werden lassen. Das ist zugegeben mühseliger, als nur zu Seminaren mit Schamanen zu gehen und zu träumen. Aber es ist eine reiche und lebbare Art, ein »nativer« Europäer zu sein. Davon können auch die berichten, die eine neuheidnische Hochzeit oder Beerdigung schon miterlebt haben, und das sind einige. Auch wer eine einheimische Art der schamanischen Pflanzenheilkunde oder des Besprechens erfahren hat, weiß, wovon ich hier rede.

Es ist Zeit zu ernten und Neues zu jagen, hier bei uns. Die Wurzeln unserer naturbezogenen, spirituellen Traditionen in Europa wieder auszugraben und zu bewässern, dieses Anliegen wird fühlbar stärker.

( Hildegard Fuhrberg, Vorsitzende des „Schamanischen Netzwerk Europa e.V.“ in Connection Sonderheft „Schamanismus & Ökologie“ - auszugsweise)

Nana Nauwald stellt sich nach einer Reise zu den peruanischen Schamaninnen auf ihrer Internetseite eine ähnliche Frage: Was fangen wir an mit unserer Sehnsucht nach willentlicher Veränderung von Bewusstseinszuständen und Wirklichkeiten, der Sehnsucht nach Erfahrung unserer Einzigartigkeit in der Verbundenheit mit allen anderen einzigartigen Erscheinungen des Lebens, der Sehnsucht nach der Erfahrung der Wirklichkeit dessen, das alles, was ist, einen Geist hat? Wie kann dieser Sehnsucht auch in unserer Gesellschaft ein "zu Hause" gegeben werden, ohne dass wir "Indianer" spielen, Rituale anderer Kulturen kopieren?

Meine persönliche Anmerkung: Bäume die man schlägt, von ihren Wurzeln trennt, sind nicht lebensfähig. Auch die Wurzeln verkümmern / sterben irgendwann. Der neue Baum wächst aus einem Samen / einem neuen Keim. Der ist sich allem alten bewusst, jedoch etwas ganz neues / etwas ganz eigenständiges mit neuen Wurzeln in altem Humus.

In diesem Sinne geht es m. E. darum, eine ganz neue Spiritualität - eine native europäische Spiritualität zu entwickeln. Dabei sind wir uns unserer Traditionen und der Traditionen der Völker dieser Erde bewusst, sind aber nicht daran gebunden. Wir kopieren nicht, wir kreieren. Wir sind verbunden mit unseren alten und neuen Schamanenkolleginnen in weiser Freundschaft, teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen, machen uns jedoch nicht abhängig von anderen Erfahrungen und Bräuchen. Wir entwickeln das, was uns heute angemessen ist. Ein sicherlich schwieriger Pfad, der nur mit dem Wissen um unser aufgeklärtes Hinterfragen und unsere Neugier auf essentielle Erfahrungen zum Ziel führen wird. Dieser neue Weg wird nur gangbar sein, wenn wir unsere alten, traditionellen Feste und Bräuche von allen fremden Einflüssen und Besetzungen befreien. Was immer das mittelfristige Ziel sein wird, es geht doch um unsere Sozialität / unsere Gesellschaft und um die ökologische Weiterentwicklung. Dabei spielt das alte schamanische GAIA - Bewusstsein eine zentrale neue Rolle. Schamanische Methoden zur Sinnfindung und zur Bewusstseinserweiterung sind heute so notwendig, damit wir uns in einer sich ständig wandelnden Umgebung geistig - spirituell verorten können. Beziehungen zu Mitreisenden, zu Mitsuchern, zu anderen nativen Europäern werden immer wichtiger - schaffen wir uns also Suchbewegungen, GAIA-Gruppen, Trommelinitiationen und Reisegruppen in die Anderswelt ...

Wie werden wir „native Europäer“?  Wie schaffen wir gemeinsame Kraftfelder einer neuen Spiritualität hier und jetzt? Ist der Begriff der "Spiritualität" dafür noch passend? Brauchen wir nicht vielmehr geistige Basis-Camps, von denen wir in neue geistige Welten / Erfahrungen aufbrechen, um unsere hiesige Kultur im Sinne einer Bewusstseinserweiterung zu befruchten? Lasst uns Antworten / Möglichkeiten finden!

(Dietmar R. Ehlert)